| Mönter: Tietze stellt Tolstoi-Übersetzung vor |
| 10.05.2010 19:00:00 Buch- und Kunstkabinett Mönter Kirchplatz 1-5 Meerbusch-Osterath Hotline: 02159/3530 Eintritt: 8 Euro |
Zum 100. Todestag des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi brachte Rosemarie Tietze eine Neuübersetzung seines berühmtes Romanepos „Anna Karenina“ heraus, mit dem sie es kürzlich bei der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Übersetzung“ unter die Top Fünf schaffte. Am Montag, 10. Mai, ab 19 Uhr stellt Tietze ihr Werk im Osterather Kulturzentrum Mönter, Kirchplatz 1-5, vor. Die 1877 erschienene „Anna Karenina“ ist nicht nur die Geschichte einer Ehefrau aus den obersten Rängen der russischen Gesellschaft, die sich in einen jüngeren Offizier verliebt und mit ihm die Ehe bricht, sondern auch ein Kompendium des Lebens und Denkens einer Epoche. Fjodor Dostojewski erklärte, „Anna Karenina“ als Kunstwerk ohne Makel, Thomas Mann hielt das Buch für den größten Gesellschaftsroman der Weltliteratur. Tietze gab diesem nun eine moderne Gestalt. In ihrer Neuübersetzung fand ein Klassiker der russischen Literatur eine deutsche Fassung, die die reiche Sprache des Originals, die stilistischen Besonderheiten und den Rhythmus Tolstois exakt und authentisch wiedergibt und trotzdem ungezwungen und frisch wirkt. „Ich bin mehr auf stilistische Eigenheiten von Tolstoi eingegangen als das in früheren Übersetzungen der Fall war. Wiederholungen zum Beispiel waren bisher meistens geglättet worden“, erzählt Tietze. Doch sie habe Russen gefragt und merkwürdigerweise sei ihr oft so etwas wie „Na ja, schön schreibt er ja nicht“ entgegnet worden. Tietze: „Ich nehme inzwischen an, dass Tolstoi ganz bewusst in einer Weise schrieb, die zunächst nicht als schön empfunden wird.“ Lese man sich aber in ein gewisses Tempo hinein, entstehe ein Sog, eine Leichtigkeit, so dass man seine Sprache eben doch schön finde. Tietze studierte in Köln Theaterwissenschaft, Slawistik und Germanistik. Derzeit arbeitet sie als Übersetzerin, Dolmetscherin und Dozentin und übertrug bereits Werke von Fjodor Dostojewskij, Boris Pasternak, Andrej Tarkowskij, Ljudmila Petruschewskaja und Andrej Bitow ins Deutsche. Für ihre Übersetzungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1995 und – gemeinsam mit Bitow – mit dem Brücke Berlin-Preis 2008. Im Falle der Übersetzung von „Anna Karenina“ plagten sie dennoch anfangs Skrupel. „Den größten russischen Roman zu übersetzen, das macht man nicht mal eben. Da hat man eine enorme Scheu vor der Verantwortung", gibt sie zu. Immerhin hatte sich seit mehr als 50 Jahren niemand mehr an das Monumentalwerk gewagt. Doch Tietze stellte sich der Herausforderung. Mehr als zwei Jahre arbeitete sie an „Anna Karenina“, in den letzten Monaten waren es 70 Stunden pro Woche. Doch ihr Schaffen hat sich gelohnt, das fertige Werk ist plastischer, herzhafter und sinnlicher als jeder ihrer Vorgänger. Tietze setzte sich akribisch in die damalige Zeitgeschichte hinein. Die gebürtige Schwarzwälderin studierte Orte, Menschen, Geistesgeschichte und Moden, Speisen, Getränke und die gängige Kleiderordnung. Sie besuchte die Originalschauplätze, nutzte Quellen wie Grimms Wörterbuch, Brehms Tierleben und eine 100 Jahre alte Enzyklopädie, durchforstete digitale Ausgaben von Theodor Fontane und Gerhard Hauptmann, um nach gängigen deutschen Begriffen der Epoche zu suchen und traf einen Jäger, um ihn zu fragen, wie man die Schreie von Waldschnepfen nennt. |
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