| Mönter: Dieter Kühn liest aus seiner Biografie über Gertrud Kolmar |
| 24.10.2008 19:00:00 Buch- und Kunstkabinett Konrad Mönter KG Kirchplatz 1-5 Meerbusch-Osterath Hotline: 02159/3530 Eintritt: 5,- |
Dieter Kühn ist einer der meist unterschätzten deutschen Schriftsteller seiner Generation. Im Mittelpunkt seiner Bücher stehen Napoleon oder Wolkenstein, Neidhart oder Marlowe - vor allem aber die hellwache Intelligenz eines großen Erzählers. Als Biograf brillant, als Romancier visionär und als Essayist hinreißend einsichtsreich. Am Freitag, 17. Oktober ab 19 Uhr kommt der 73-Jährige ins Buch- und Kunstkabinett Mönter, Kirchplatz 1-5, in Osterath und liest aus seiner neuen Biografie „Gertrud Kolmar: Leben und Werk, Zeit und Tod“ vor. Es ist die Geschichte einer der wichtigsten Dichterinnen deutscher Sprache, die unter dem Namen Gertrud Käthe Chodziesner 1894 in Berlin geboren wurde und vermutlich im März 1943 in Auschwitz starb. Es ist die Geschichte einer jüdischen Frau, die als Zwangsarbeiterin die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs auf Schöneberg miterlebte und die Geschichte einer Berliner Familie, die zwischen Chile und Australien zerstreut wurde. Kühn hat ihre Briefe gelesen und die Familienchronik befragt, er hat sich in die Lieblingslektüre der Dichterin vertieft und in Archiven geforscht. Vor allem aber hat er sich nicht gescheut, Teile dieser ihm fremden Biografie vorsichtig zu imaginieren. Gertrud Kolmar – so ihr Pseudonym - hat sich nie an ein größeres Publikum gewandt, der Schaffensprozess war ihr wichtiger als das Echo von außen oder das Interesse an ihrer Person. Entsprechend rar sind auch ihre Lebenszeugnisse. Kühn füllt die Leerstellen. Er beschreibt ihre Jugend im Berlin der wilhelminischen Ära. Der Vater ist ein renommierter jüdischer Anwalt, dessen Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Gertrud macht erste Erfahrungen als Sprachlehrerin und Erzieherin und durchlebt das Trauma einer ungewollten Schwangerschaft und gescheiterten Liebe. Nach dem Tod der Mutter übernimmt sie den Haushalt und die Büroagenden ihres Vaters. 1917 erscheint ein erster Band mit Gedichten, erst 17 Jahre später ein weiterer. Als 1934 die „Preußischen Wappen“ herauskommen, sind die Nationalsozialisten schon an der Macht. Vier Jahre später wird das Haus der Chodziesners arisiert, Vater und Tochter müssen in eine Wohnung im Zentrum Berlins übersiedeln. Zu jenem Zeitpunkt sind Gertruds Geschwister längst emigriert. Sie bestürmen die beiden Zurückgebliebenen, ihnen zu folgen. Doch der Vater ist alt und stolz, er verschanzt sich hinter der preußischen Tugend des Ausharrens. Die Tochter will ihn nicht allein lassen. Kühn hat all das sorgsam recherchiert. Kolmars letzte Lebensjahre, in denen sie kontinuierlich weiter schreibt, sind ausführlicher dokumentiert, als die Zeit zuvor. Dort, wo die Stimme der Dichterin fehlt, lässt er andere sprechen: Schriftsteller, Zeitzeugen, Anwälte, Gesetzesblätter oder Goebbels Tagebuch. Kühn hält Kolmar immer noch zu wenig geschätzt, präsentiert deshalb in seinem Buch auch eine Vielzahl ihrer Gedichte. |
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