Ralph Giordano liest bei Mönter
Die Erinnerungen eines großen,
streitbaren Humanisten
16.11.2007
19:00:00

Buch- und Kunstkabinett
Konrad Mönter KG
Kirchplatz 1-5
Meerbusch-Osterath

Hotline: 02159/3530
Eintritt: 15,-
Dass er als Sohn einer jüdischen Mutter davonkäme, war unwahrscheinlich. Wie er es dennoch schaffte, und das immer wieder, darüber gibt der Journalist, Autor fürs Fernsehen sowie freier Schriftsteller Ralph Giordano in der Mitte des neunten Lebensjahrzehnts Zeugnis ab. Der in den Medien allgegenwärtige streitbare Geist im Einsatz für die Menschenrechte, gegen Diskriminierung und das erneute Erstarken faschistischer Tendenz hat im Engagement das eigene Leben eingesetzt. Noch heute ist er täglich mit Drohungen und Schmäh-Briefen konfrontiert. An Mut hat es ihm nie gemangelt. Am Freitag, 16. November, ab 19 Uhr liest er aus „Erinnerungen eines Davongekommenen“. Der Eintritt zu der Veranstaltung beträgt 15 Euro; fünf Euro werden bei Kauf des Buches erstattet. Es gibt nur noch wenige freie Plätze.

„Die Justiz fällt jämmerliche Urteile gegen die Rechten“, sagt Giordano. Gegen deren Brutalität, „vor allem in der Ex-DDR, wird schwächlich agiert. Die können machen, was sie wollen, in bestimmten Regionen.“ Für die Verharmlosung des destruktiven Verhaltens der neuen Rechten gegenüber Andersdenkenden fehlt ihm ein jegliches Verständnis - seine Geschichte trauriger Erfahrungen mit den Blüten, die solche braunen Wurzeln treiben, verunmöglicht die Banalisierung. Unermüdlich setzt er vielmehr seine ganze Person, Intellekt und Sprachgewandtheit gegen Wiederauflage jenes kruden Schreckens ein. Im Roman „Die Bertinis“, der erfolgreich verfilmt wurde, verarbeitete er `82 die Verfolgung seiner Familie durch die Nazis. Für seine publizistische Arbeit ist Giordano mit dem Bundesverdienstkreuz und Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden (2003) ausgezeichnet worden. Er lebt in Köln. Die jüngste „Auszeichnung für Zivilcourage“ des Heine-Freundeskreises bezeichnet er selbst als einen Höhepunkt in seinem Leben.

Ich liebe dich, sagten die Giordanos. Sie meinten Hamburg, ihre Stadt, und sie meinten das Land Heines, Lessings, der Manns, der deutschen Sprache. Die Geliebte lächelte kurz - und zeigte ihr grässlichstes Gesicht. In Deutschland zu leben war aus jüdischer Sicht immer ein gefährliches Liebeswagnis. Von einer deutsch-jüdischen Symbiose konnte im Zeitalter der Treitschkes und Wagners keine Rede sein - spätestens seit dem Gründerkrach von 1873 mussten „die Juden“ als Sündenböcke herhalten. Antisemitismus gehörte zum Alltag im alten Kaiserreich und der Weimarer Republik. Berthold Auerbach, Ernst Toller, Walther Rathenau (später ermordet) und Giordanos Mutter Lilly wussten, wie sich Judenhass anfühlt. Juristisch trennten Hitlers Helfer erst „Deutsche“ von „Juden“, denen die Rassegesetze von 1935 alle Menschen- und Bürgerrechte schamlos entrissen.

Auch der Hamburger Ralph Giordano, Sohn einer deutschen Jüdin und eines „arischen“ Deutschen, gehörte zu den von nun an „Vogelfreien“. Als Zehnjähriger wird er konfrontiert mit einer Macht, vor der bald die ganze Welt erzittern sollte. Als Siebzehnjähriger will er das Leben der geliebten Mutter beenden, nur um ihr ein schlimmeres Schicksal zu ersparen - und erlebt als Zweiundzwanzigjähriger, woran er nicht mehr geglaubt hat: die Befreiung. Auch danach bleibt dem Aufklärer eines - Zusammenstöße mit Kräften, von denen die ganze Welt erschüttert wird, ob es nun um den Stalinismus oder Islamismus ging. Minuziös schildert er die Vertreibung an gesellschaftliche Ränder. Fortwährendes Ringen um differenziertes Einfühlen in die Andersdenkenden, Zugehörigkeit. „Ich bin angenagelt an dieses Land, ans Deutsche.“

 

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