Mönter: Böllinger rezitiert Hilde Domin
„Mut ist, nichts umzulügen und
die Dinge beim Namen zu nennen“

15.09.2006
19:00:00

Buch- und Kunstkabinett
Konrad Mönter Kg
Kirchplatz 1-5
Meerbusch-Osterath

Hotline: 02159/3530
Eintritt: 5,- Euro
Gedichte der Anfang 2006 im Alter von 96 Jahren verstorbenen Schriftstellerin Hilde Domin, rezitiert Johannes Böllinger am 15. September im Kulturzentrum Buch- und Kunstkabinett Mönter am Kirchplatz 1-5 in einer Nachlese in Osterath. Dort trägt der Priester und pensionierte Realschulpädagoge nicht zum ersten Mal frei aus „seiner“ wachsenden Lyrik-Sammlung vor. In der mit eigenen und fremden Kommentaren eingerahmten Auswahl möchte er möglichst viele der Facetten Hilde Domins lebendig werden lassen. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr, der Eintritt beträgt fünf Euro.

Der Wunsch, sich Gedichte zu erschließen, erwuchs beim heute 73jährigen Johannes Böllinger vor drei Jahren im Gespräch mit einer Schauspielerin über das Wesen der Rezitation auswendig gelernter Texte und des Auswendiglernens von Texten an sich. Er erfuhr, dass jedem Text ein Klangbild innewohnt und parallel bei der Rezitation eine Art Film abläuft, voller vom Text geweckter, bilderreicher Assoziationen. Das Metier interessierte ihn fortan so sehr, dass er sich auf ihm eigene, strukturierte Art und Weise deutsche Lyrikliteratur mit System zu erarbeiten begann.

Inzwischen kann der in Mönchengladbach lebende Böllinger knapp 300 Gedichte frei vortragen, und in jedem Monat kommen zehn neue hinzu. Jedes dieser Gedichte überträgt er von Hand in silberner Schrift in Bücher aus feinstem blauen Rössle-Papier. Gebunden sind die Bücher ebenfalls in Silber. 27 solcher Unikate sollen es einmal werden. Die Bände versieht Böllinger mit Sekundär-Literatur und Kommentar, entnommen aus von ihm selbst ausgewählten Fachbüchern.

Hilde Domin, Tochter eines jüdischen Rechtsanwaltes, kam 1909 in Köln zur Welt. Sie studierte Volkswirtschaftslehre, Jura, Soziologie und Philosophie. Ihre wichtigsten Lehrer waren Karl Jaspers und Karl Mannheim. 1932 emigrierte sie mit dem Archäologen und Kunsthistoriker Erwin Walter Palm nach Rom. In Florenz promovierte sie 1935 mit „Pontanus als Vorläufer von Macchiavelli“, heiratete Palm und war bis 1939 Sprachenlehrerin in Rom. 1939 floh das Paar nach England, ein Jahr später in die Dominikanische Republik, wo sie als Übersetzerin und Fotografin, später als Deutsch-Dozentin an der Universität Santo Domingo tätig war.

Zu dichten begann Hilde Palm 1951, nach dem Tod ihrer Mutter. Ihr Pseudonym „Domin“, klingt an Santo Domingo an, die Stadt, in der sie anfing zu schreiben. 1954 kehrte sie in die Bundesrepublik zurück. Ihre ersten Gedichte wurden drei Jahre später in Zeitschriften veröffentlicht. Seit 1960 lebte sie als freie Schriftstellerin. Neben Gedichten, Erzählungen und einem Roman verfasste sie Essays und literatur-wissenschaftliche Abhandlungen, war als Herausgeberin tätig und übersetzte.

„Ein Schriftsteller braucht drei Arten von Mut“, sagte Hilde Domin 1986. „Den, er selber zu sein, nichts umzulügen und die Dinge beim Namen zu nennen sowie drittens an die Anrufbarkeit anderer zu glauben.“ Im Wintersemester 1987/88 hielt sie die Frankfurter Poetik-Vorlesung. 1992 stiftete die Stadt Heidelberg, in der sie ihren Lebensabend verbrachte, ihr zu Ehren den alle drei Jahre verliehenen Preis „Literatur im Exil“, zwölf Jahre später wurde sie Ehrenbürgerin. Am 15. Februar diesen Jahres, eine Woche vor ihrem Tod infolge eines Sturzes, wurde Hilde Domin Ehrenmitglied des P.E.N.-Club des Exils.

 

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