| Böllinger rezitiert Heine bei Mönter Liebeslyrik voll Begehren noch in der berüchtigten Matratzengruft |
| 15.05.2006 19:00:00 Buch- und Kunstkabinett Konrad Mönter KG Kirchplatz 1-5 Meerbusch-Osterath Hotline: 02159/3530 |
Ein Rezitationsabend mit Heine-Lyrik steht am Montag, 15. Mai, 19 Uhr im Osterather Kulturzentrum Buch- und Kunstkabinett Mönter auf dem Programm des KulturFrühlings 2006. Der Eintritt für den Abend beträgt fünf Euro. Der Priester und pensionierte Realschulpädagoge zitiert frei aus „seiner“ wachsenden Lyrik-Sammlung, diesmal mit dem Focus auf dem Werk jenes im Dezember 1797 in Düsseldorf geborenen jüdischen Dichters, der extreme Positionen in sich vereinigte. Der glühende Patriot war immer auch der strikteste Verächter deutscher Zustände; der Dandy, der in den besten Kreisen ein und aus ging, war immer auch ein Anwalt der Unterdrückten. Der Revolutionär hatte zeit seines Lebens Angst, sich die Hände schmutzig zu machen. Der Dichter, dem wir die unsterblichsten Liebesgedichte zu verdanken haben, war auch eines Hasses fähig, der uns die Sprache verschlägt.Böllinger möchte in seiner Auswahl, die er mit eigenen und mit Heine-Kommentaren umrahmen wird, möglichst viele dieser Facetten lebendig werden lassen. Der Wunsch, sich Gedichte zu erschließen, erwuchs beim heute 73jährigen Johannes Böllinger vor drei Jahren im Gespräch mit einer Schauspielerin über das Wesen der Rezitation auswendig gelernter Texte und des Auswendiglernens von Texten an sich. Er erfuhr, dass jedem Text ein Klangbild innewohnt und parallel bei der Rezitation eine Art Film abläuft, voller vom Text geweckter, bilderreicher Assoziationen. Das Metier interessierte ihn fortan so, dass er sich auf die ihm eigene, strukturierte Art und Weise deutsche Lyrikliteratur mit System zu erarbeiten begann. Inzwischen kann der in Mönchengladbach lebende Böllinger 230 Gedichte vortragen, und jeden Monat kommen zehn neue hinzu. Alle Gedichte überträgt er von Hand in silberner Schrift in Bücher aus feinstem blauen Rössle-Papier. Gebunden sind die Bücher ebenfalls in Silber. 27 solcher Unikate sollen es einmal werden. Neun davon sind herausragenden Dichtern, wie Heine einer gewesen ist, gewidmet. Die Bände versieht Böllinger mit Sekundär-Literatur und Kommentar, entnommen aus von ihm selbst ausgewählten Fachbüchern. Böllinger unterteilt den Rezitationsabend in romantische, liebende, satirische und dem Sterben gewidmete Lyrik, wobei sich diese Felder bei Heine oft überschneiden können. Er vergleicht Gedichte aus dem Zyklus der Heimkehr mit Lyrik aus dem Buch der Lieder. Werke wie die „Loreley“ („Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“) und „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ werden, ihrem Werk-Rang entsprechend, ausführlicher betrachtet und durch die persönlichen wie die Dichter-Kommentare besonders verständnisfördernd eingebettet. Selbstverständlich sind Krankheit, Leiden, Sterben und Tod das gewichtigste Thema von Heines letzter Lyrik. Heines stärkste Erfahrung seines eigenen, jahrelang sich hinziehenden Sterbens ist das langsame Kriechen der Zeit. Heines letzte Liebe, die ihn unermüdlich immer wieder in seiner elenden Matratzengruft in Paris aufsucht, ist Elise Krinitz, die er zärtlich seine „Mouche“ nennt, was soviel wie „Fliege“ bedeutet. Die Mouche liest Heine oft vor, kommt zu ihm, sooft er es wünscht. „Die Lotosblume erschließet/Ihr Kelchlein im Mondenlicht/Doch statt des befruchtenden Lebens/Empfängt sie nur sein Gedicht“, schreibt Heinrich Heine kurz vor seinem Tod voll unerfüllter körperlicher Begierde. |
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